– Elsa und Franz • eine Zeitreise

Elsa und Franz (1894)(Daguerreotypie)

Wenige Tage, nachdem er in Leipzig angekommen war, besorgte Franz sich als Erstes in der ausländischen Buchhandlung von Max Rübe, Gellertstraße Nr. 7, einen Leipziger Stadtplan für ca. 50 Pfennige. Mit dem Plan in der Hand unternahm er mit Pittlers Töchtern, Meta und Dora, sowie Elsa Müller, seiner späteren Frau, an einem Wintersonntag des Jahres 1888 die erste größere Fußtour und ging mit ihnen von Gohlis durch das Rosenthal an der Mühle vorbei, den Pleissendamm entlang, über die Elsterbrücke dem alten Schützenhaus zu, und dann durch die Hauptstraße nach Leutzsch und von hier über den Bahnübergang am Bahnhof durch den Wald nach Wahren, am Gutshof vorbei und von dort zurück nach Gohlis. Alle waren sehr erstaunt, dass er als Fremder die Kinder so gut geführt hatte. Das war sein erster Ausflug in Leipzig.

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Thekla Elsa Müller
Grossvater als junger Mann
Joseph Franz Maria van Himbergen

Im Jahre 1896 heiratete Franz die Nichte der Frau von Pittler, Fräulein Elsa Müller, geboren am 18. Juli 1875 in Leipzig.

Trauschein 1. Ehe

Die Hochzeit fand im Rathaus zu Leipzig statt,

Leipziger Neues Rathaus
Leipziger Neues Rathaus

anschließend wurde die kirchliche Trauung in der Kirche Sankt Petrus vorgenommen. Gefeiert wurde dann in Familie bei der Schwiegermutter Thekla Müller in der Braustraße. Frau von Pittler war leider erkrankt und konnte deshalb an der Hochzeit nicht teilnehmen. Die Wohnzimmermöbel wie Tisch, Stühle, Vertiko, Spiegel, Sofa wurden aber von ihr gestiftet. Die Möbel für das gute Zimmer wie Salontisch und Stühle, Bücherschrank, Sofa, Vertiko von Franz und Küchenmöbel wie Schrank, Tisch, Geschirr und Stühle von Elsa besorgt und von ihrem Spargelde gemeinsam bezahlt. Mit der Droschke fuhren die frisch Vermählten nach dem Kaffeetrinken und Abendessen gegen 10 Uhr abends von der Schwiegermutter in ihre eigene Wohnung in der Breitenfelder Straße Nr. 7 in Gohlis gegenüber der Gohliser Aktien-Bierbrauerei. Nach einigen Tagen Urlaub ging Franz wieder in die Fabrik, die kaum 200 m von der Wohnung gelegen war. Als Gehalt hatte ihm Pittler im Jahre 1892 am Ende der Lehrzeit 100 Mark bewilligt, das kurz vor seiner Verheiratung  auf 140 Mark erhöht worden war, aber erst, nachdem Franz persönlich darum gebeten hatte. Nach der Verlobung mit Elsa, die etwa 1893 ohne besondere Feier vonstattenging, nur durch Mitteilung an die Frau von Pittler, die sich darüber, dass er ihre Nichte zur Frau haben wollte, sehr zu freuen schien.

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Brief von Franz’ Mutter Mary Ann an Elsa Müller

Hier sowohl die Übertragung als auch eine freie Übersetzung des Briefes, soweit er zu lesen war:

Dear Miss Muller,

I take the oppertunity of writing this letter to you this evening as my son Joseph wishes me to do I am quiet satisfied with your acquaintes with one another. I can have no obeciton (?) with your acquainance  or to receive you as my daughter in law only. This is me thing which I should like to have and that is when you are married and have children that he brings them up in his religion which I hope he will, he knows how his familey is, so I hope you both, will do far the best. I will write to him next week give my best love to him and Mrs van Pittler and receive the same yourself from affectionate friend.

Ich nehme die Gelegenheit heute Abend diesen Brief an Sie zu schreiben, da mein Sohn Joseph es wünscht. Ich bin ruhig und zufrieden, dass Sie einander kennengelernt haben.  Ich kann nichts gegen Ihre Bekanntschaft haben oder empfange Sie als meine Schwiegertochter. Das ist es, was ich haben möchte, wenn Sie verheiratet sind und Kinder haben, dass er sie in seiner Religion erzieht. Ich hoffe, er wird  wissen, woher seine Familie kommt, so hoffe ich für Sie beide, Sie machen das Beste daraus. Ich werde ihm nächste Woche schreiben, gebe ihm und Mrs van Pittler meine beste Zuneigung und nehmen auch Sie diese von einer liebevollen Freundin.

Da einige Monate, nachdem sie 1896 im Monat März geheiratet hatten, in dem Hause, Möckernsche Straße 6 direkt neben der Fabrik eine Wohnung im Erdgeschoss frei wurde,

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die noch billiger war als ihre Wohnung in der Breitenfelder Straße Nr. 7 und die Großmutter von Elsa, Frau Albrecht, mit dem Großvater und dem Paten seiner Frau, Herrn Liebig, der als Faktor in einer Zigarrenfabrik in Leipzig arbeitete, dort in der II. Etage wohnten, entschlossen sie sich, die Wohnung aufzugeben und in die Möckernsche Straße Nr. 6 part. zu ziehen.

Kaum dass sie umgezogen waren, passierte es auch, dass Elsa, ohne es wohl selbst geahnt zu haben, die erste Fehlgeburt hatte, ohne jedoch einen Schaden davonzutragen.

Hier besuchte die Beiden auch des Öfteren sein Freund Rudolf Ruppert und Frau Gertrud, sowie sein bester Freund Richard Wommer, in der Technischen Vereinigung (TVL) Volt genannt, und dessen Frau Marie, die sich kurz nach Franz und Elsa verheiratet hatten. Sie wurden damals der Dreierbund genannt, weil sie immer zusammen anzutreffen waren und sich gegenseitig fleißig besuchten. Rupperts wohnten in Leutzsch nicht weit von der Dorfkirche und Wommers im Süden der Stadt, am Schlachthof, wo er ein größeres Geschäft hatte mit Fleischmaschinen und  Zubehörteilen der Firma Gebrüder Wommer.

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Lotte

Im Jahre 1898 am 23. August wurde ihre Tochter Charlotte geboren und etwas später kam bei Rupperts ebenfalls ein Mädchen und bei Wommers ein Junge zur Welt, sodass der Verkehr infolge der Kinder noch intensiver wurde zwischen den drei Paaren.

Regelmäßig einmal im Jahr fand in der TVL ein Stiftungsfest statt mit einem sogenannten Katerbummel am Sonntag darauf; entweder nach Leutzsch ins Auenschlösschen oder nach Connewitz in die Waldschänke, wo sie sich dann später auch mit den Kindern zusammenfanden, um das Stiftungsfest gemeinsam zu beschließen.

Für Franz war die Wohnung in der Möckernschen Straße 6 neben der Fabrik sehr bequem. So konnte er z.B.  zum Frühstück schnell einmal zwischen 9 und 9 ¼ Uhr herüber springen, wenn er etwas vergessen hatte. Auch mittags war es sehr bequem, denn die Mitarbeiter hatten 1 ½ Stunde Mittagszeit, von 12 bis 1 ½ Uhr. Die Tagesarbeit war damals auf 10 Stunden festgesetzt, also von früh 7 ½ Uhr bis abends 7 Uhr.

Kurz nach ihrer Heirat waren Elsa und Franz mit Freund Ruppert und dessen Frau Gertrud in Berlin und konnten zwei Nächte bei den Eltern von Ruppert übernachten. Von Leipzig aus waren sie an einem Sonnabend mit dem Nachtbummelzug abgefahren und kamen früh gegen 5 Uhr in Berlin am „Anhalter Bahnhof“ an. Nachdem sie sich ausgeruht hatten, besichtigten sie sich Berlin zum ersten Male und sind an den Abenden in verschiedenen Lokalen gewesen so z.B. auch im „Café National“ in der Friedrichstraße, wo sich die Halbwelt traf. Es war neu für sie, Berlin bei Nacht zu beobachten. Auch die Familie Ruppert war sehr vergnügt, sodass sich die jungen Eheleute sehr gut amüsiert haben. Später war Franz für Pittler, als die Firma bereits in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war, des Öfteren in Berlin, so z.B. in der Filiale der Firma sowie im Patentamt, um Patentstreitigkeiten beizulegen.

1897 starb Wilhelm von Pittlers erste Frau Martha, die Tante von Elsa. Was ihr gefehlt hat, war nicht herauszufinden, obwohl sie schon ein Jahr lang gekränkelt hatte.

Auf einer seiner vielen Besuche in Belgien konnte Franz Louise überreden, einmal mit ihm nach Leipzig zu fahren, um auch Elsa kennenzulernen. Sie kamen am späten Nachmittag in Leipzig am Thüringer Bahnhof an, und fuhren gleich mit der neuen elektrischen Straßenbahn nach Gohlis in die Möckernsche Straße 6, wo Elsa sie schon erwartete.

Nach dem Umzug der Fabrik nach Wahren entschloss sich Franz auf Rat des Herrn Direktor Voigtländer von diesem ein Fahrrad der Marke „Riesenfeld“ zu erwerben, die von der Pittler AG wohl Maschinen gekauft und als Gegenwert Herrn Voigtländer die Fahrräder in Zahlung gegeben hatten. Auf dem Fahrweg von Gohlis zur Leibnitzstraße im Rosenthal wurde dann nach Feierabend unter Beihilfe seines Zeichners Herrn Lucke fleißig geübt, sodass er nach 3 oder 4 Tagen das Radfahren einigermaßen erlernen konnte und die Strecke von 2 ½ km, von der Endstation der Straßenbahn bis zum Werk nicht mehr zu Fuß zurücklegen musste. Bei der ersten Fahrt mit dem Rade nach Wahren überholte ihn Direktor Huhn mit seinem englischen Auto zwischen der Endstation und dem Viadukt und rief Franz zu: „Herr Himbergen, immer feste durchtreten und gerade voraus schauen!“ Er kam auch ohne Unfall ins Werk in der Mühlenstraße, die später in Pittlerstraße umbenannt wurde. Das Fahrrad war noch ohne Freilauf, sodass man auf der ganzen Strecke ohne Unterbrechung durchtreten musste und das Bremsen durch die Handbremse am Vorderrad und zurückdrücken auf der Pedale erfolgte.

Die Wohnung in Gohlis in der Möckernschen Straße gab das Ehepaar bald auf und zog kurzer Hand nach Wahren in die Turnerstraße Nr. 10  (jetzt Am Meilenstein genannt) in ein neu gebautes Haus des Lehrers Delling. Zu der Wohnung gehörte ein kleiner Garten, den Franz auch umgegraben und Elsa mit Gemüse und Blumen versehen hat. Auch Erdbeeren und Stachelbeerbüsche haben sie gepflanzt. Zum Geschäft hatte er von hier aus nur 800 Meter, die er trotzdem auch bei Regenwetter mit dem Rade zurücklegte, denn das Radfahren machte ihm außerordentlichen Spaß.

Durch das regelmäßige Hin- und Herfahren früh, mittags und abends von der Wohnung zur Fabrik, konnte Franz größere Touren mit dem Rad zurücklegen ohne zu ermüden. Er fuhr auch freitags abends zu den Sitzungen der TVL von Wahren nach Leipzig in Schießens Restaurant in der Kramerstraße mit dem Rade hin und her auch oft nachts nach 1 Uhr, wenn sie später nach Hause gingen.

In Wahren in der Turnerstraße wurde am 25. Februar 1900 Sohn Herbert geboren.

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Herbert

Es  war gerade ein Sonntag und für den Monat Februar ziemlich warm.  Nach einem Spaziergang auf der Chaussee nach Schkeuditz kehrten Elsa und Franz nachmittags in der Obstweinschänke ein und tranken sogar im Garten noch eine Flasche Obstwein, weil es so warm war. Dann ging es nach Hause und spät abends musste Franz die Hebamme und auch den Doktor holen. Die Geburt war ziemlich schnell erledigt und gut verlaufen. Die Taufe erfolgte  erst am 15. April 1900 in der Kirche zu Wahren, welche damals noch nicht zur Stadt Leipzig gehörte.

Ein Jahr vorher starb am 2. Februar 1899 sein Großvater, Georg Booth in Market-Rasen. Um die Erbschaftsangelegenheiten zu klären, sind seine Mutter und seine Schwester Louise mit dem Dampfer von Antwerpen nach Grimsby und von dort mit der Bahn nach Market-Rasen gefahren. Von Grimsby hat ihm seine Schwester mehrere Ansichtskarten geschrieben, die leider mit seiner  gesamten Ansichtskartensammlung von ca. 2000 Stück ebenfalls bei einem Bombenangriff am Ende des II. Weltkrieges verbrannt sind. Durch Anfrage bei seinem Cousin Paul in Market-Rasen erfuhr Franz, dass seine Mutter folgende Zahlungen erhalten hatte: im Monat September 1900 = £ 192-8 = 3848 Mark, im Januar 1901 = £ 200 =4000 Mark, im August 1901 = £ 98-10 = 1970 Mark. Also zusammen 9818 Mark oder 12272, 5 Frs. Davon hat sie für 5000 Fr. das Haus in der Rue des Beguine Nr. 4 in Mecheln gekauft, sodass ihr noch 7272,5 Fr. übrig geblieben sind. Das Geld hat sicher die Familie van Lens verbraucht, denn als seine Mutter später starb, war von dem Erbe nichts mehr vorhanden.

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Lieber Cousin,

Ich erhielt Ihren Brief heute früh und bin sehr erstaunt zu erfahren, daß all das Geld, was Ihre Mutter vom Großvater erbte, verschwunden ist. Ihre Mutter erhielt                                           

die Summe von                £ 192_8 im September 1900

                                            £ 200_0 im Januar       1901 und                    

                                            £ 98 10  im August      1901

Folglich erbte Ihre Mutter im Ganzen £ 490.18.

                Ihre Mutter schrieb vor Kurzem und sagte nur, daß sie ein Haus gekauft hatte, welches 5900 Francs von dem Gelde kostete, welches sie erbte. Wenn der Brief, welchen sie schrieb, von irgend einem Nutzen für sie sein würde, will ich ihn Ihnen schicken.

Das Haus, welches sie kaufte, liegt in der Beguines Strasse No 1. Wir hoffen aufrichtig, daß sie die Sache nicht ruhen lassen werden, bis Sie in Erfahrung gebracht haben, was aus dem Gelde geworden ist. Es würde mir sehr weh tun zu erfahren, daß das Geld in falsche Hände geraten ist. Wir glauben, daß Niemand ein besseres Recht darauf hat, als Sie und Louise. Louise schrieb mir vorige Woche und benachrichtigte mich von dem Tode Ihrer Mutter. Aber wir haben noch keine Zeit gehabt ihr zu antworten, weil, da sie nicht englisch versteht, wir ihr einen französischen Brief schreiben müssen und es viel Zeit braucht dies zu tun; wir werden ihr aber bald schreiben.

Wir waren sehr erfreut über die Photographie Ihrer kleinen Kinder und glauben, daß sie sehr hübsch sind.

Nun muß ich diesen Brief aber zu Ende bringen und glaube Ihnen alle Neuigkeiten mitgeteilt zu haben.

Mein Vater und meine Mutter vereinigen sich mit mir Ihnen und Ihrer Frau und Kindern beste Grüße zu senden. So für jetzt adieu. Ich verbleibe John

Wenn alles gut geht wurden wir uns sehr freuen, Sie zu begrüßen, sobald das schöne Wetter kommt. Mit besten Grüßen von Onkel Paul

Nachdem der kleine Herbert sich etwas an die Flasche gewöhnt, sie beide Kinder bei der Großmutter Albrecht in Gohlis in Pension gegeben hatten,

fuhren sie, Elsa und Franz, im Monat August 1900 nach Mecheln.

In Brüssel und Mecheln haben sie sich nicht lange aufgehalten und sind über Lüttich, Verviers, Aachen, Köln in 18 bis 20 Stunden nach Leipzig zurückgefahren, um schnell wieder bei den Kindern zu sein, da die Großmutter Albrecht geschrieben hatte, dass es Herbert, der erst 6 Monate alt war, nicht besonders gut gehe. Es war aber nicht so schlimm und bei Elsa hat er sich schnell wieder erholt. Lotte dagegen, die schon 2 Jahre alt war, hat während ihres Fortseins gut ausgehalten. Außerdem waren die Töchter von Onkel Gundmann da, die mit den Kindern täglich ins Rosenthal gegangen waren. Nur Herbert war eben noch zu klein, um längere Zeit von der Mutter getrennt zu sein und da Elsa alle Kinder gestillt hat, erholte auch Herbert sich sehr schnell, als sie in Wahren zusammen waren.

Seit seiner Heirat mit Elsa im März 1896 bis Ende 1900 hat Franz seine Mutter mit 10 Mark pro Monat regelmäßig unterstützt, indem er das Geld per Postanweisung überwiesen hat; sie hat sich auch immer dafür bedankt. Da er mit seinem Gehalt damals gut auskam, hat er die Sache nicht weiter verfolgt und, um seiner Schwester keine Unannehmlichkeiten zu bereiten, von Leipzig aus nichts weiter gegen den Schneider van Lens aus Mecheln unternommen.

Im Sommer 1901 fuhren Franz und Volt mit einer Sonntagskarte nach Bad Kösen in Thüringen und von hier mit dem Rade weiter über Eckartsberga, um das Bismarck-Denkmal bei Apolda zu besuchen, vorbei nach Umpferstedt und über Mellingen, Hetschburg bis Berka an der Ilm, wo sie für ihre Familien eine Sommerfrische aussuchen wollten. Sie fanden auch ein passendes Haus und mieteten auf drei bis vier Wochen 2 Zimmer in der Mitte des Städtchens. Die Hinfahrt mit dem Rade war reibungslos verlaufen, nur die Rückfahrt von Berka nach Bad Kösen ging nicht so gut. Durch seinen Sturz mit dem Rade ohne Freilauf am Kyffhäuser einige Wochen vorher war Franz bei steilen Straßen ziemlich ängstlich geworden, sodass er bei stärkerem Gefälle lieber abstieg und das Rad führte, Volt jedoch machte es umgekehrt, bei den starken Steigungen zwischen Eckartsberga und Bad Kösen schob er lieber um seine Kräfte zu schonen und raste bergab. Dadurch kamen sie etwas langsam vorwärts, aber doch noch zum Zuge zurecht.

Elsa und die beiden Kindern Lotte und Herbert sowie Frau Marie Wommer mit Rudi und Käthe fuhren dann einige Wochen später mit ihren Männern nach Bad Berka in die Sommerfrische, die Männer hauptsächlich, um der Ansteckungsgefahr der Masern in Wahren zu entgehen, die dort gerade ausgebrochen waren. Ob nun Lotte schon angesteckt war oder nicht, jedenfalls wurde zuerst Lotte und dann auch Herbert krank und Wommers Kinder bekamen Keuchhusten. Die Frauen konnten wegen der kranken Kinder nicht wie vorgesehen zurückfahren. Während Franz dort war, machte er auch größere Radtouren in der Umgegend sogar bis ins Schwar­zatal bei Schloss Schwarzburg über Blankenhain, Teichel, Rudolstadt, Schwarza, Blankenburg. Auch in Farnroda, Kranichfeld, Arnstadt, Remda und Jena war er mehrmals. Zurück nach Leipzig ging es dann mit dem Rad über Hetschburg, Mellingen, Jena, Bürgel, Eisenberg, Königshofen, Zeitz, Pegau, Zwenkau. Nachdem Franz nach Leipzig zurückgekehrt war, berichtete ihm Elsa, dass die Wirtin sehr gejammert habe. Es sollte niemand im Bade von den Erkrankungen erfahren, denn dann würden alle Kurgäste sofort abreisen. Augenscheinlich war nichts durchgesickert und sowohl Elsa als auch die Kinder haben alles gut überstanden. Auch Wommers Kinder sind gesund zurückgekommen. Franz ist auch mindesten zwei bis drei Mal an den Sonntagen darauf mit dem Rade dort gewesen, um Elsa und die Kinder zu besuchen.

Es war für ihn eine schöne Zeit, mit dem Rade so oft unterwegs zu sein. Dabei hat Franz die weitere Umgebung von Leipzig kennengelernt, von Halle bis Grimma, von Bitterfeld und Düben bis Borna, von Naumburg bis Eilenburg und von Merseburg bis Oschatz. Wenn es nach Westen in Richtung Merseburg oder Naumburg gehen sollte, dann fuhr er früh an der Wohnung seines Freundes Rosenthal in der Uhlandstraße in Lindenau vorbei, um ihn abzuholen. Ihre Frauen waren beide damit einverstanden, dass sie sonntags vormittags eine Radtour unternahmen, denn sie hatten vormittags in der Wohnung zu tun und zu kochen. Die Männer richteten es auch immer so sein, dass sie zu Mittag um 1 Uhr wieder zu Hause waren. Franz ging dann gewöhnlich mit Elsa und den beiden Kindern ein Stück spazieren oder sie hatten sich mit Rupperts oder Wommers verabredet. Auch gingen sie öfters nach Gohlis zur Großmutter Albrecht in die Möckernsche Straße Nr. 6, wo sie immer noch mit dem Großvater und Herrn Liebig wohnte. Nur zu den großen Feiertagen wie Ostern, Pfingsten fuhren sie nicht Rad. Zu Pfingsten haben sie meist eine Pfingstpartie mit der TVL unternommen, z.B. nach der Schönburg bei Naumburg oder zur Rudelsburg bei Bad Kösen. Sie waren auch einmal in Halle an der Saale in der Dölauer Heide und am Petersberg südlich von Halle. Im Monat November fand in der TVL regelmäßig das Stiftungsfest statt, wonach am Sonntag darauf zwischen dem 8. Und 20. November ein Katerbummel mit Damen stattfand, der meistens nach Leutzsch in die Burgaue oder ins Auenschlösschen führte, manchmal auch in Connewitz im Waldkaffee oder in der Waldschänke oder auch in Gohlis im Restaurant „Kaiser Friedrich“ in der Hauptstraße stattfand. Bei solchen Katerbummeln waren sie mit Rupperts und Wommers immer dabei. Hinwärts ging es meistens zu Fuß durch den Wald und abends zurück mit der Straßenbahn. Auch die Kinder gingen gerne mit, denn es gab doch Kaffee oder Limonade und Kuchen, nur Bier durften die Kinder wenigstens bei Elsa nicht trinken.

Im Jahre 1902 waren Franz und Elsa mit den Kindern Lotte und Herbert

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Lotte und Herbert

wieder in Belgien. Der Hauptgrund der Reise war, dass seine Mutter, die, wie Großmütter so sind, die Kinder gern einmal sehen wollte. Sie selbst, weil sie schon 51 Jahre alt war und kein Deutsch verstand, wollte nicht gern nach Leipzig die 650 km hin und zurück fahren und so war auch Elsa damit einverstanden, noch einmal nach Belgien zu fahren.

Im Jahre 1903 war Elsa mit den beiden Kindern in der Sommerfrische in Kohren bei Frohburg in Sachsen zusammen mit Frau Gertrud Ruppert. Während Elsa und Gertrud Ruppert während der ersten Tage des Urlaubs nach Kohren fuhren, unternahm Franz mit seinem Freund Rudolf Ruppert eine größere Tour ins Riesengebirge, um die Schneekoppe zu besuchen. Sie fuhren mit der Eisenbahn über Dresden, Görlitz, Lauban und Hirschberg und von hier mit der Kleinbahn bis Hermsdorf. Dann ging es zu Fuß weiter über Hain, dem Kloster Wang hinauf zur 1603 Meter hohen Schneekoppe, wo sie im schlesischen Gasthof je noch ein Bett erhielten. Am anderen Tag ging es wieder den Berg hinab bis zum Kamm des Gebirges und sind bis zur Spindlerbaude marschiert, wo sie wieder übernachten konnten. Früh morgens trafen sie auf dem Kamm 2 Frauen aus Halle an der Saale, die gern mit ihnen ein Geschäft machen wollten. Auch die Elbquelle besuchten sie, an der sie vorbei kamen, um in das Mummeltal abzusteigen, wo sie am Mummelfall eine kleine Kneipe fanden, die von einer Kellnerin aus Neuwelt bedient wurde. Da es gegen den Abend ging und sie Feierabend machen wollte, gingen die beide Männer mit ihr nach Neuwelt, wo sie ein nettes Quartier fanden. Dort haben sie auch sehr gut zu Abend gegessen und übernachtet. Am anderen Morgen sind sie dann von Neuwelt mit dem Zug über Gablenz nach Reichenberg gefahren. Nachdem sie in Reichenberg einen guten Gasthof gefunden hatten, wo sie ihre Rucksäcke abgeben konnten, sind sie hinaus in die Vorstadt gewandert bis zum Lokal „die weiße Weste“, wo nur Frauenbedienung war. Dort haben sie ein paar Glas Spritze getrunken, d.h. Weißwein mit Selterswasser und sind ziemlich spät nach ihrem Gasthof zurückgekehrt, wo sie sich ausruhen konnten. Am anderen Tage ging es dann zu Fuß  zum 1010 Meter hohen Jeschken hinauf, von wo aus sie eine weite Aussicht über das böhmische Land hatten. Von Reichenberg fuhren sie über Zittau, Löbau, Dresden zurück nach Leipzig. Am folgenden Sonntag fuhr Franz dann früh mit dem Rade über Borna und Frohburg nach Kohren ca. 50 km, um die Frauen und die Kinder zu besuchen. Da er gegen 9 Uhr früh schon dort war, konnten sie einen schönen Tag zu verbringen und ein Stück nach Sahlis spazieren gehen. Es war alles gut verlaufen und die Kinder, Lotte und Herbert sowie Walter und Hanna, waren gesund, denn der Luftwechsel war ihnen gut bekommen. Am Spätnachmittag fuhr er mit dem Rade wieder zurück, hatte aber kurz vor Leipzig gegen 10 Uhr abends eine Panne. Der Luftschlauch war undicht geworden und er war gezwungen, im Gasthof Napoleonstein beim Südfriedhof einzukehren und den Schlauch zu flicken, sodass er erst gegen Mitternacht nach Wahren kam. Seine Ferien waren vorbei und die Arbeit ging bei Pittler wieder weiter.

Da Lotte nun 6 Jahre alt wurde und sie nicht in Wahren, das damals noch nicht zu Leipzig gehörte, in der Dorfschule angemeldet werden sollte, zog die Familie im Jahre 1904 wieder nach Leipzig-Gohlis zurück und zwar in die damalige Dorotheenstraße Nr. 42 im Parterre (später Cöthner Straße genannt).

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Cöthner Straße 42

Da verlangte der Schuldirektor, dass ihre Tochter Lotte, statt evangelisch wie die Mutter, nach dem Vater am katholischen Religionsunterricht teilnehmen sollte. Dagegen haben sie mit Erfolg protestiert, da Franz als Holländer nach holländischem Gesetz – Kinder erziehen lassen kann, wie er es bestimmt und nicht nach fremder Vorschrift. Und es ist auch gegangen, dass Lotte wie die anderen Kinder evangelischen Unterricht genoss.

Im Jahre 1905, im August, hat sich sein Schwager Rudolf Müller mit Fräulein Rose W. verheiratet und sie waren oft bei ihm auf Besuch. Auch die Hochzeit haben sie mitgefeiert, wobei Lotte und Herbert als Blumen-Streukinder voran gingen.

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Zweite Reihe von links: Elsa und Franz; am Boden sitzend: die Blumenstreukinder Herbert und Lotte

Auf dem Bilde, das Alice noch besitzt, waren außer den Großeltern von Elsa noch die Mutter Thekla sowie der Bruder Bernhardt mit Johanna zu Besuch, Dora und Marta Grundmann, Suse, die Halbschwester, später Frau Kuntze und die Eltern und Verwandten von Rosa anwesend. Die Hochzeit fand in der Kirche statt und die Feier in einem Lokal der Oststadt. Jedenfalls war es sehr gemütlich gewesen.

Im Jahre 1905 fuhr er mit Freund Ruppert mit der Bahn bis Burgstädt im Chemnitztal, um mit dem Rade über Chemnitz, Zschopau, Marienburg nach Zöblitz im Erzgebirge zu fahren und dort für die Ferien vom Gutshof zur Kniebuche für Rupperts ein Zimmer zu mieten, was ihnen auch gelungen ist. Während Ruppert das Zimmer für die Monate Juni-Juli 1905 mietete, bestellte er das gleiche Zimmer für Juli-August 1905, weil sie wegen Lotte und der Schule ihre Ferien nicht früher nehmen konnten. In diesem Jahr fuhren sie wegen der beiden Kinder mit der Bahn, wobei er das Rad mitnahm, um im Erzgebirge Radtouren unternehmen zu können.

Den Sommer haben sie dort ganz gut verlebt, bei gutem Essen und Trinken. Während ihres Dortseins hatten sie während einer Nacht ein überaus schweres Gewitter, sodass sämtliche Sommerfrischler während der Nacht aufstanden und sich erst wieder niederließen, als das starke Blitzen und Donnern nachließ. Es war eine schreckliche Nacht, da sie jeden Augenblick dachten, es würde in der Kniebuche einschlagen. Sie haben sich dort mit einer Frau Holland, die ebenfalls in Gohlis wohnte und die schreckliche Gewitternacht miterlebt hatte, gut verstanden, sie aber später in Gohlis nicht wieder getroffen. Mit dem Rade hat Franz dort Ausflüge gemacht bis nach Böhmen über Annaberg, Weißenthin auf den 1204 Meter hohen Fichtelberg und in Böhmen auf den 1244 Meter hohen Keilberg hinaufgefahren und wieder zurück über Weiperz nach Zöblitz. Über Marienberg besuchte er den Grenzort Reitzenhain. In entgegengesetzter Richtung besuchte er auch Olbernhau und Rübenau im Erzgebirge. Bei diesen Radtouren hatte er schon sein neues Opelrad mit der von Ditzemann eingebauten Morrow-Freilaufnabe in Benützung, die innen mit einem einfachen Nagel zusammengehalten wurde und des Öfteren versagte, sodass er jedes Mal die Nabe auseinandernehmen musste und die Teile mit dem Nagel wieder zusammenbringen bringen musste. Sonst hat die Morrow-Nabe immer gut funktioniert, die er von der Firma Ditzemann in Leipzig-Gohlis für 160 Mark gekauft hatte. Das alte Rad hat er an einen Kollegen für 20 Mark abgegeben. Bis zum Jahre 1936, im Oktober, ist er mit dem Opelrad gefahren und hat damit große Touren ausgeführt.

Im Jahr 1907 hatte Franz eine Stelle als Betriebsingenieur in Höchst am Main bei der Armaturenfabrik H. Breuer angenommen. Am 31. Mai 1907 fuhr Franz dann in Begleitung von Richard Wommer, der zu seinem Bruder nach Türkismühle fuhr, abends gegen ¾ 10 Uhr vom Magdeburger Bahnhof ab über Halle, Nordhausen, Kassel und Gießen nach Frankfurt/M und von hier am 1. Juni 1907 weiter nach Höchst am Main, wo er früh gegen 7 Uhr ankam. Wommer ist von Frankfurt/M aus mit einem Zug nach Saarbrücken weitergefahren. In der Fabrik von Breuer, die nicht weit vom Bahnhof war, wurde er von Herrn Direktor Reinhardt sehr freundlich aufgenommen. Elsa war mit den beiden Kindern am 1. Juli 1907 von Leipzig-Gohlis nachgekommen. Während des ersten Monats Juni hat er in der Pension bei Frau Roth gewohnt, einer Pension in der Hauptstraße für 70 M. pro Monat, wo er ein gutes Zimmer und gutes Essen hatte. Wie Elsa schrieb, war sie froh, dass sie von Leipzig fortkam, sie hätte sich furchtbar mit ihrer Freundin Gertrud Ruppert gezankt, welche schlecht über sie gesprochen hätte, was eigentlich vorgefallen war, konnte Franz nie richtig erfahren. Er hatte inzwischen eine Wohnung in der Sedanstraße Nr. 2, III. Stock gefunden, eine schöne große Wohnung mit großem Vorsaal 4 bis 5 Türen zu den einzelnen Zimmern und zu der Küche, nur etwas beschwerlich in der dritten Etage jedoch ohne Nachbarn, auch die Miete von 600 oder 650 Mark war akzeptabel. Zum Geschäft hatte er höchsten 15 Minuten zu gehen, schräg über die Felder. Der Möbelwagen kam erst nach zwei Tagen mit den Möbeln. Elsa und die Kinder konnten inzwischen in der Pension Roth übernachten. Die Kinder wurden sofort in der Schule angemeldet: Lotte im Lyzeum und Herbert im Gymnasium. Sie haben gleich in der Königsteinstraße bei der Firma Huth ein Klavier zu 800 Mark bestellt, das Franz monatlich mit 30 oder 40 Mark abgezahlt hat. Lotte und Herbert haben dann auch bei Dora v. Pittler Klavierunterricht erhalten.

Kurz nach ihrem Einzug in Höchst am Main kam auch ihre Cousine Dora von Pittler aus Ungarn nach Deutschland zurück und mietete eine Wohnung in der Casinostraße nicht weit vom Bahnhof. Mit Dora hatten sie immer brieflich Kontakt gehalten; sie hat ihnen viele Ansichtskarten aus Beregszasz, Kaschau usw. geschrieben. Dagegen hörten sie von Meta, die sich in Kiel verheiratet hatte, wenig. Frieda hatte sich in Leipzig mit Herrn Döhner verheiratet, Herta und Johanna die jüngsten Töchter von Pittler waren ja erst 13 bzw. 14 Jahre alt und waren noch bei der Schwiegermutter und dem Vater in Berlin, während der Sohn Bruno schon in Amerika oder in England war. Am 6. Juli 1907 heiratete inzwischen sein Schwager Bernhard Müller Fräulein Johanna Hubeland, welche Hochzeit sie leider nicht mitfeiern konnten.

Dora von Pittler gab also Klavierstunden und kam so ganz gut aus, ohne von zu Hause abhängig zu sein. Sie bekam von Zeit zu Zeit Besuch von ihrem Verlobten, Herrn Best, der in Darmstadt als Baurat angestellt war und mit dem sie später nach ihrer Verheiratung nach Berlin Neu-Köln gezogen ist. Felix Klette und Familie sowie Hans Broßmann, ein Bundesbruder der TVL, waren auch in Frankfurt/M beschäftigt und besuchten sie öfter in Höchst. Klette hatte seine Stellung in Brüssel aufgegeben und war bei der Autofabrik von Kleyer in Frankfurt/M beschäftigt, während Broßmann in einem Elektrizitätswerk angestellt war. Letzterer hatte seine Wirtin, eine Friseuse, die älter war als er, heiraten müssen und besuchte hauptsächlich Dora von Pittler. Sie haben zusammen auch des Öfteren Fußtouren miteinander gemacht, so z.B. nach Eppstein, von Königsstein aus zum Feldberg. Auch sein Freund Otto, ebenfalls ein Bundesbruder der TVL, der auch bei Pittler angestellt gewesen war und von Brüssel nach Rüsselsheim zu Opel ging, hat sie ebenfalls besucht, um eine Partie in den Taunus mit ihnen zu machen. Gesellschaft und Abwechslung hatten sie also genug. Auch die Bierverhältnisse waren in Höchst sehr gut. Denn die Brauerei lieferte ihnen sofort einen Eisschrank, unter der Bedingung, dass sie das Bier dauernd abnahmen. Ganze Literflaschen wurden geliefert und das Eis gratis dazu. Da das Bier auch sehr gut schmeckte, wurde auch hin und wider eine Flasche mehr getrunken. Während der zwei Jahre, wo sie in Höchst wohnten, haben sie wohl mehr Bier getrunken, als sonst während ihres jungen Lebens. Bevor sie im Jahre 1909 Höchst wieder verließen, mussten sie den schönen Eisschrank wieder abliefern. Er hat ihnen später immer wieder gefehlt. – Langeweile haben sie nie gehabt, denn wenn sie allein waren, nahmen sie sich je ein Sonntagsbillet bis Königstein nach Homburg v. d. Höhe und auch zur Saalburg, dem alten Römerkastell. Eine schöne Tour war einmal im Herbst bei Nebelwetter; unten in Höchst war starker Nebel auch noch in Königsstein, aber beim Weitersteigen vor dem Falkenstein ließ der Nebel nach und je höher sie stiegen, desto mehr Bergkuppen des Taunus stiegen aus dem Nebel empor, während oben die Sonne strahlte und viel Wärme spendete. Es war ein wunderbarer Anblick, die vielen Kuppen wie der Falkenberg, der Feldberg, der Altkönig, und wie die Berge alle heißen, wie einzelne Inseln aus dem Wolkenmeer hervortauchen zu sehen. Es war wohl im Jahre 1908, als sie mit Klettes, Dora von Pittler und Otto eine Sonntagstour am Rhein unternahmen und zwar von Höchst über Kastel (Mainz) nach Rüdesheim und von hier zu Fuß zum Niederwalddenkmal und von hier hinab nach Assmannshausen, der Zahnradbahn entlang. Dann mit dem Dampfer rheinabwärts an Lorch, Bacharach, Kaub und dem Loreleyfelsen vorbei, wo allgemein das bekannte Lied der „Loreley“ vom Dampfer aus gesungen wurde. Dann ging die Fahrt weiter an St. Goarshausen vorbei bis Boppard, wo sie den Dampfer verließen, um von hier den Weg zum Vierseenpatz durch das schöne Mühltal einzuschlagen. Es war ein schöner Aussichtspunkt, von wo aus man 4mal die Krümmungen des Rheins überblicken konnte, sodass es aussah, als wären vier Seen zu sehen. Der Punkt hieß auch der Vierseenblick. Nachdem sie sich ausgeruht hatten, ging es zurück nach Boppard, wo sie sich nach Camp übersetzen ließen, um mit der Eisenbahn über Rüdesheim, Kastel nach Höchst am Main bzw. nach Frankfurt/M zurück zu fahren.

Zum Karneval-Fastnacht 1909 waren sie mit Dora von Pittler und den Kindern in Mainz, wo Lotte und Herbert es sehr lustig fanden, mit einer Pritsche den Leuten auf den Rücken zu schlagen, besonders wenn die Leute maskiert waren.

Im Taunus waren sie bald überall, da sie doch jeden Sonntag unterwegs waren, so z. B. in Wiesbaden, Homburg, wo sie den Kaiser Wilhelm II. treffen wollten, der sie natürlich beim Vorbeifahren nicht beachtete. Die Automobilstrecke im Taunus haben sie früh morgens gegen 6 Uhr beim Automobilrennen im Jahre 1908 oder 1909 besichtigt. Franz ist mit einem Kollegen aus Österreich, der ihn bei Breuer immer unterstützt hat, vom Feldberg oben 880 Meter hoch bis hinab nach der Sedanstraße über Königstein und Bad Soden mit dem Rodel hinabgefahren in kaum einer ¼ Stunde. Es war eine sehr interessante Fahrt durch den Schnee. Öfters war er mit Elsa in Frankfurt/M, um Einkäufe zu machen, besonders im Reformhaus „Thulyna“ und wenn sonst etwas gebraucht wurde. Besucht hat sie außer Klette, Otto und Barßmann auch Herr Knauth aus Dortmund und Herr Leppert als Vorsitzender der TVL. Mit seinem Freund Alfred Otto und Frau hat er auch bei deren Besuch einen Spaziergang durch Frankfurt/M unternommen, wobei er mit Frau Otto auf dem Theaterplatz vor dem Schauspielhaus durch meinen Freund Alfred photographisch aufgenommen wurde. Sie waren aus Rüsselsheim, wo Otto bei der Firma Opel beschäftigt war, an einem Sonntag nach Höchst gekommen.

Im Sommer 1908 hat Franz mit Frau und Kindern eine Wanderung im Spessart und im Odenwald unternommen.

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Sie hatten sich entschlossen, diesmal nicht in einer Sommerfrische die Ferien zu verleben, sondern mit den Kindern eine größere Tour durch den Spessart und den Odenwald zu unternehmen, die nun schon 10 bzw. 12 Jahre alt geworden waren und bei nicht zu langen Märschen am Tage, die sie im Taunus so schön mitgemacht hatten, wohl gut aushalten würden. Sie rüsteten sich jeder mit einem Rucksack auf dem Rücken, Elsa und Franz je mit einem großen zur Aufnahme der Nachtwäsche und die beiden Kinder mit einem kleinen und wanderten zum Höchster Bahnhof, wo sie Fahrkarten nach Aschaffenburg nahmen, von wo aus die Tour durch den Spessart unternommen werden sollte. Die Fahrt ging also direkt über Frankfurt/M, wo sie in einen Zug nach München umstiegen und von hier weiter über Offenbach und Hanau nach Aschaffenburg in Bayern fuhren, wo sie am Vormittag noch gut ankamen. Sie unternahmen sofort einen Rundgang durch die alte Stadt und gingen am Residenzschloss Johannisburg und dem schönen und großen öffentlichen Platz, mit Kastanienbäumen bepflanzt, vorbei. Das Schloss stammt aus den Jahren 1605-1616. Der Bau ist eine Perle des Frankenlandes. Er besitzt 8 Stockwerke, an den sich an den vier Ecken 58 Meter hohe mit Balustraden versehene Türme erheben. Das Schloss hat ca. 300 verschiedene Räumlichkeiten und die Zahl der Fenster ist der Zahl der Tage im Jahr gleich. Dann gingen sie über den Schlossplatz zur Stiftskirche St. Peter und Alexander, die 940 bis 980 erbaut wurde. Vor der Kirche befand sich der sehr schöne Stiftsplatz mit dem gotischen Pilgerbrunnen, der auf einer Marmortafel die Inschrift trägt: „1873 errichtet zur Erinnerung an das 900jährige Jubiläum der Stiftskirche und das 1000jährige Bestehen der Stadt Aschaffenburg“. Rechts und links am Platz stehen die alten Stiftsgebäude unter ihnen das Kapitelhaus mit vorspringender Galeriebrüstung, deren Abschluss die Pilgerkanzel bildet. Sie verließen die Stadt mit der Bahn, nachdem sie sich noch die Hafenanlagen am Mainfluss mit den vielen Flößen, die hier gesammelt und weiterbefördert werden, angesehen hatten. Sie kamen über Schweinheim und Gailbach nach Dörrmorsbach und dem Wallfahrtsort Hessenthal mit zwei Kapellen und dann über Ober- und Unterneudorf zu dem Wasserschloss Mespelbrunn, das in schöner Lage von einem Forellenweiher umgeben liegt und von Waldhöhen überragt wird. Es war das idyllischste Bild, was Franz in seinem Leben je gesehen hat, das Schlossgebäude direkt im Wasser stehend mit einem mittelalterlichen Turm mit Haubendach und mit den Nebengebäuden durch eine feste Steinbrücke verbunden. Dahinter die Baumspitzen der Wälder als dunkler Hintergrund, ein Bild, das er nie vergessen wird. Nachdem das Paar mit den Kindern das schöne Bild genügend betrachtet hatten, ging der Weg weiter durch die großen Wälder nach Osten zu, um Rohrbrunn zu erreichen, das als Jagdschloss in prächtiger Waldgegend mitten im Spessart gelegen ist an der breiten Frankfurt-Würzburger Straße, wo die bekannte Sage „Das Wirtshaus im Spessart“ von Wilhelm Hauff gespielt haben soll. Nicht weit vom Gasthaus „Zum Hochspessart“ mitten im Wald konnten sie die sogenannte 1000jährige Eiche, ein uralter Riesenbaum, bewundern.

10 Minuten vom Ort entfernt war das in niederdeutscher Holzarchitektur erbaute Jagdschloss des Prinzregenten Luitpold zu sehen. Dann ging es weiter direkt zum höchsten Punkt des Spessart, dem Geiersberg, der leider keine Aussicht hat, da durch die hohen Bäume dieselbe versperrt ist. Während Franz sonst in Deutschland in Thüringen den Inselsberg, im Erzgebirge den Fichtelberg und den Keilberg, im Taunus den großen Feldberg, im Odenwald den Malchen, im Riesengebirge die Schneekoppe mit dem Rade oder zu Fuß besteigen konnte, um eine umfangreiche Aussicht zu genießen, war es bis jetzt im Spessart nicht möglich die Aussicht zu genießen, sodass sie gezwungen waren umzukehren und über die Forsthäuser Dinna und Aurora den Weg nach Süden einzuschlagen. Sie erreichten das Hasslochtal und wanderten den Bach entlang ohne an großen Ortschaften vorbeizukommen, sodass sie gegen Abend gezwungen waren, bei einem Bauern anzufragen, ob er sie bewirten könnte. Der Bauer war sehr zuvorkommend und lud uns ein dort zu bleiben. Die Frau haben sie kaum gesehen, trotzdem sie zum Abendbrot eingeladen wurden. Es gab schönes Brot mit Spiegeleiern und Schinken und dazu ein paar Flaschen Bier. Da es schon dämmerte, gingen sie bald zu Bett in schönen großen weißen Betten und haben auf dem Bauernhof sehr gut geschlafen. Am anderen Tag gab es früh Kaffee mit Brot und ein paar Eier und der Bauer wollte nichts nehmen für die Übernachtung, so sehr Franz auch darum bat. Nach dem Frühstück, das sie auch noch mitnehmen mussten, ging es das Hasslochtal weiter hinunter und so kamen sie an der Ruine einer Kapelle vorbei und dann nach Hassloch am Main. Sie folgten dem Main am rechten Ufer und gelangten bald nach Wertheim am Main, wo sie schon lange vorher die Schlossruine zu sehen war. Wertheim liegt am linken Mainufer und gehört zum Großherzogtum Baden am Einfluss der Tauber in den Main. Wegen seiner malerischen Burgruine ist die Stadt mit seinen 4000 Einwohnern der Glanzpunkt des unteren Maintals.

Sie überschritten die Mainbrücke und gingen durch enge Gassen mit altertümlichen Häusern und malerischen Überresten der früheren Ringmauern. Auf bewaldeter Anhöhe befindet sich das Schloss, das im 30jährigen Krieg zerstört wurde. Das Schloss ist nach dem Heidelberger Schloss wohl die interessanteste Ruine Deutschlands und beherrscht das ganze Maintal. Ihr zu Füßen liegt die Stadt Wertheim mit ihrer Vorstadt jenseits der Tauber, rechts und links konnten sie den Lauf des Mains auf- und abwärts verfolgen und von Norden winken die großen grünen Spessarthöhen, die sie durchwandert hatten. Nach Besichtigung des ältesten Teils des Schlosses mit dem Pulverturm und Einnahme einer Erfrischung auf dem Platz davor, ging es zurück durch den Westteil der Stadt und die westlich gelegenen Wälder höher hinauf und durch den großen Schenkelwald südlich des Mains in Richtung Boxthal und dann wieder zum Main hinab nach Dorfprozelten, wo sie gegen 19 Uhr glücklich ankamen und sich mit einer Fähre über den Main übersetzen ließen. Sie waren also aus Baden wieder nach Bayern gelangt und mussten feststellen, dass die bayerische Armee gerade ihre Manöver in der Gegend abhielt, sodass alle Gasthöfe und auch Privatwohnungen durch das Militär besetzt waren. Trotzdem sorgte eine Wirtin dafür, dass die Familie ein Zimmer bekamen, wo sie sich von den Strapazen des Tages gut erholen konnten, nachdem sie vorher ein gutes Abendbrot eingenommen hatten. Vom Militär wurden sie sehr wenig belästigt, da die Mehrzahl der Soldaten sicher in der naheliegenden Stadt Stadtprozelten untergebracht worden waren. Am anderen Tag fuhren sie ein Stück mit der Bahn von Dorfprozelten den Main entlang nach Freudenberg, da Franz die Absicht hatte, die alten Römeranlagen bei Burgstädt wo die Limes oder der Grenzwall zu sehen war, die sich von Miltenberg aus nach Süden bis zur Donau erstreckte. Der Limes oder Pfahlgraben der Römer in Deutschland gebaut unter Domitian, Trajan, Hadrian und enthielt 80 Kastelle und 900 Warttürme und verfiel erst im 3 Jahrhundert. Der Verlauf ging von der Donau bei Kelheim westlich über Gunzenhausen und Buch nach Lorch, scharf nördlich zum Main östlich von Miltenberg.

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Von hier bildete der Main die sogenannte nasse Grenze über Aschaffenburg bis Großkrotzenburg, um als Pfahlgraben weiter nach Norden geführt zu werden über die Kinzig bei Rücklingen und weiter nördlich bis fast zur Lahn, dann im Bogen nach Westen am Nordrand des Taunus, wo das bekannte Kastell Saalburg noch erhalten ist, vorüber nach Ems an der Lahn und weiter zum Rhein nördlich von Koblenz.

In Freudenberg angekommen, ließen sie sich über den Main übersetzen und marschierten bergaufwärts zum Wannenberg, wo die Römerschanze sich befinden sollte. Der Berg liegt 450 Meter über dem Meeresspiegel und bildete die Grenze zwischen dem römischen Reich und Germanien zur Zeit der Römer. Leider war von dem Pfahlgraben nicht viel übrig und so entschlossen sie sich an der Römerschanze und einer Kapelle vorbei nach dem Dorf Burgstadt wieder hinab zu gehen. Es ging von hier an mehreren Mühlen vorbei der Straße entlang nach Miltenberg zu, wo sie gegen Mittag glücklich ankamen.

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In dem bekannten Gasthof „Zum Riesen“, einem interessanten Bau aus dem 16. Jahrhundert, wo früher zahlreiche durchreisende Kaiser, Fürsten und Heerführer gewohnt haben, fanden sie ein schönes großes Zimmer für die Nacht und vorher ein gutes Abendbrot.

Am anderen Tag besichtigten sie die alte Stadt, die fast in einer einzigen Straße zwischen Berg und Fluss eingeengt ist und von der ca. 60 Meter höher gelegenen Burg beherrscht wird. Dann am anderen Tag ging es die Straße entlang nach Kleinheubach und von hier aus über den Main nach Großheubach am Franziskanerkloster Engelberg vorbei zu den Stufen, die zum Wallfahrtsort Maria hilf führten. Die 612 Stufen wurden bestiegen, wo unterwegs die Bilder des Kreuzganges Christus dargestellt waren. Sie sind aber direkt bis oben hin gestiegen, von wo sie einen großartigen Ausblick über Miltenberg und das Maintal genießen konnten. Dann, nachdem sie die Kapelle besichtigt hatten, ging es wieder hinunter nach Großheubach und über den Main zu den gegenüberliegenden Wäldern des bis hierher reichenden Odenwaldes, um den Weg durch den Odenwald anzutreten. Von Kleinheubach ging es zick-zack an den Hainsäulen vorbei, wobei sich der Himmel verdunkelte und ein Gewitter heraufzog, sodass sie den Marsch beschleunigten, um unter Schutz zu kommen, denn sie hielten sich gerade in dem großen Wald, der aus Tannen und Buchen bestand, auf. Sie kamen aber nicht weit und mussten das schwere Gewitter im Walde aushalten, denn außer den nackten Säulen, die wohl aus der Römerzeit stammten und bis 8 Meter lang waren und Spuren menschlicher Bearbeitung zeigten, war in der Umgebung kein Haus zu sehen, sodass Franz vorschlug, die Tannen zu meiden und den Buchenwald aufzusuchen, der uns vor einem Einschlag schützen sollte. Es folgte aber Blitz auf Blitz und Donner auf Donner und der Regen hatte den Weg sofort in eine Schlammstraße verwandelt. Sie hielten aber aus, trotzdem es in nächster Nähe mehrmals einschlug. Sie blieben aber unter den Buchen und kamen glücklich davon. Nach ca. 15 Minuten lief das Wasser schon ab und sie konnten den Weg durch den schönen Wald nach Mainbullau weiter verfolgen, wo sie auch bald hinkamen und nach Weilbach weiter marschierten. Es ging dann weiter dem Matbach entlang nach Amorbach, das mit 2000 Einwohnern außerordentlich anmutig inmitten der bewaldeten Berge an der Vereinigung von 5 Tälern liegt. Dann ging es weiter der Straße im Muldental entlang etwas aufwärts nach Kirchzell und weiter über Ottorfszell und die badische Grenze nach dem schön gelegenen Emstal und von hier durch schönen Leinigenschen Park zum Schloss Waldleinigen, ein Jagdschloss und Sommerresidenz des Fürsten Leinigen, eine Nachbildung des Windsor-Schlosses in England, ein solider fast festungsartiger Sandsteinbau im englisch-gotischem Stile mit Treppengiebeln, Ecktürmchen und Seitenflügeln. Einen herrlichen Anblick boten die Herden von zahmen Dam-Edelwild, die ruhig auf der Wiese vor dem Schloss grasen und daselbst gefüttert werden. Auch Wildschweine in großer Anzahl werden im schönen Park gehegt. Des Schlosses idyllische Lage in stiller Einsamkeit, zwischen herrlichen Wiesengründen und bewaldeten Abhängen, macht einen wohltuenden Eindruck. Innen sollen die Jagdzimmer und die Kapelle mit prachtvollem Altar sowie die Statuen in Lebensgröße von Ulrich von Hutten und Franz von Sickingen sowie von Kaiser Maximilian II, Wallenstein und Gustav Adolf und Götz von Berlichingen sehenswert sein. Sie gingen aber weiter, um Hesselbach zu erreichen, das 480 Meter hoch an Stelle eines Römerkastells, einem uralten Ort, liegt und so kamen sie zu der Bahn, die von Hanau nach Ebersbach an den Neckar führt. Sie gingen nun der Straße neben der Bahn nach Norden folgend bis zum Tunnel unter dem Krähberg der 3100 Meter lang ist. Da alles bewaldet war, verzichtete Franz darauf, den Berg von 555 Metern Höhe zu besteigen und blieb bis zur Abfahrt des nächsten Zuges in dem direkt am Ausgang des Tunnels gelegenen Bahnhofs Schöllenbach, wo sie vorher im Gasthof eingekehrt waren und sich entschlossen hatten, ein Stück mit der Bahn nach Süden zu fahren, um sich nicht zu sehr anzustrengen. Das Dorf besitzt eine über 400 Jahre alte restaurierte Kirche. Sie lösten die Fahrkarten bis zur 10 km entfernten Haltestelle Gaimühle durch das schöne Tal des Itterbaches.

Von der Haltestelle Gaimühle aus unternahmen sie dann die Besteigung des Katzenbuckels, des höchsten Berges des Odenwaldes, 628 Meter über dem Meeresspiegel, am Forsthaus vorbei. Der mit Laubwald bedeckte Gipfel besteht aus Nephelin, einem vulkanischem Gestein. Er trägt einen 18 Meter hohen steinernen Aussichtsturm, den sie zusammen bestiegen, um von oben die umfassende Rundsicht im Odenwald zu genießen.

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Man blickt über die unendlichen Wälder des Gebirges nur von wenigen Ackerflächen durchbrochen. Im Norden in der Tiefe das Ittertal in der Ferne nordwestlich des Taunus und nördlich der Spessart, wo sie heute herkamen. Im Osten das Bauland, im Süden und Südosten Neckartal, Kraichgau, Schwarzwald, Schwäbisch Alb, im Westen die weite Rheinebene. Sie stiegen auf der sehr wackeligen Holztreppe wieder hinab und gingen nun abwärts laufend dem Itterbach entlang  nach Eberbach am Neckar, eine badische Stadt von ca. 6000 Einwohnern, die zwischen bewaldeten Berghängen in einer Talbucht am Neckar liegt, berühmt durch die Forellenfischerei und den Holzhandel. Sie hielten sich aber, nicht auf, sondern lösten Fahrkarten, um mit der Neckarbahn bis Neckargmünd zu fahren, wo sie beabsichtigten zu übernachten, um am anderen Tag nach Heidelberg zu fahren. In Neckargmünd angekommen, fanden sie auch gleich ein gutes Nachtquartier und legten uns schlafen nach der üblichen Abendmahlzeit, welche sie immer dort einnahmen, wo sie übernachten wollten. Am Tage hatte Elsa immer Brötchen und Wurstwaren besorgt für den betreffenden Tag, wobei sie immer gut ausgekommen sind. Am nächsten Tag ging es dann gleich früh am Ufer des Neckar abwärts, um den Weg bald einzuschlagen, der zum Königsstuhl führte, wo auch die berühmte Sternwarte sich befand, die Franz gern besichtigen wollte, wenn es möglich wäre. Es ging also dem Königstuhl zu auf gepflegten Wegen und zwar ohne große Ermüdung. Gegen Mittag kamen sie oben an und konnten etwas zu Mittag einnehmen. Die Sternwarte war leider nicht geöffnet, sodass ich auf die Besichtigung derselben verzichten musste. Dann ging es den Berg wieder hinunter und sie kamen zum berühmten Heidelberger Schloss, wo Franz sofort Eintrittskarten nahm zur Besichtigung mit einer Führung der verschiedenen Schlossbauten. Die Führung dauerte ungefähr eine Stunde, wonach sie die großartigste und schönste Schlossruine Deutschlands und die Aussicht auf den westlichen Teil der Stadt vom Schlosshof aus genossen haben, auch das große Weinfass von 9 Metern Länge, 6,9 Meter Breite und 8 Meter Höhe mit 221726 Liter Fassungsvermögen besichtigen und bewundern konnten. Nach einem Rundgang durch den Schlossgarten ging es dann hinunter zur Stadt, wo sie nicht weit vom Markt ein gutes Hotel fanden zum Übernachten. Sie besichtigten dann noch am gleichen Tage sowie am folgenden die innere Stadt mit den Kirchen und der berühmten Universität, um dann nach 2 Tagen den Rückweg nach Höchst durch den westlichen Odenwald anzutreten. Sie gingen nochmals die Hauptstraße entlang, gingen rechts über die neue oder Friedrichsbrücke über den Neckar nach der Vorstadt Neuenheim. Dann ging es weiter der Brückenstraße entlang, den Michelsberg und den Heiligenberg rechts liegen lassend, nach Handschuhsheim der hohen Straße entlang zum weißen Stein. Von hier aus bis Lindenfels im nördlichen Odenwald kann Franz den verfolgten Weg nicht mehr beschreiben, da er sich nicht genau besinnen kann. Er weiß jedoch noch, dass sie am Siegfriedbrunnen bei Grasellenbach vorbei gekommen sind, wo Hagen Siegfried nach der Sage erschlagen haben soll. Sicher ist, dass sie in Lindenfels übernachtet haben und die schöne Umgebung durchwandert sind. Am nächsten Tag gingen sie zu der neuerrichteten Bismarckwarte mit großem Aussichtsturm, von wo aus sie zum letzten Mal eine großartige Rundsicht über den Odenwald, der sich bis zum Spessart, Vogelsberg, Taunus und dem Hundtsgebirge jenseits des Rheins erstreckt. Dann ging es wieder abwärts zum Bahnhof Reichelsheim, die Endstation der Nebenbahn Reinheim-Reichelsheim, ein hübsch gelegenes Städtchen im oberen Gersprenztal gelegen und überhaupt von der auf steiler Höhe thronenden Burg Reichenberg (308 Meter), deren noch erhaltene Bauten aus dem 14. bis 18. Jahrhundert stammen. Hier endete ihre Tour durch den Spessart und den Odenwald und sie benutzten die Eisenbahn, um über Reinheim nach Darmstadt und von da über Frankfurt/M nach Hause zurückzukehren, denn die 14tägige Ferienzeit war nun ziemlich vorbei. Zusammen haben sie zu Fuß, jeder mit einem Rucksack auf dem Rücken, annähernd 200 km zurückgelegt. Auch die Kinder sind tapfer gelaufen. Denn Lotte war 10 Jahre und Herbert sogar nur 8 Jahre alt. Sie waren aber ebenso wie Elsa durch die vielen Wanderungen im Taunus ans Laufen gewöhnt.

Nun hieß es auch für dieses Jahr 1909 eine Sommerfrische bis zum 1. September zu suchen, und durch irgendeine Empfehlung kam Franz auf Tappenhausen in der Rhön, nicht weit von Fulda. Da es auch auf dem Weg nach Leipzig war, war der Ort für sie günstig, denn die Reise war ja so gut wie bezahlt, da die Firma Blancke den Umzug zu bezahlen hatte. Durch einen Bekannten bei Breuer wurde Franz sogar eine Adresse angegeben, wo er auch sofort hinging, indem er eine Sonntagskarte bis Gelnhausen nahm und von hier weiter mit dem Rade fuhr über Wächtersbach, Salmünster, Steinau, Schlüchtern, Flieden, Kerzell und dann rechts ab auf der Straße nach der Rhön über Weyhers nach Poppenhausen, unterhalb der Wasserkuppe. Er fand auch gleich das Haus der Frau Schönherr und mietete die 2  Zimmer für die Monate Juni bis September; früh mit Kaffee während sie in einer Gastwirtschaft mit Fleischerei Mittagessen wollten. Franz  konnte also nachmittags sofort wieder nach Gelnhausen zurück fahren und von hier mit dem Zug nach Frankfurt/M und Höchst am Main.

Am 31. Mai 1909 nahm Franz also bei einer Runde Bier in einer Höchster Gastwirtschaft Abschied von den Herren, die teilweise gut mit ihm gearbeitet hatten, und am 1. Juni früh ging es sofort von Höchst, nachdem die Möbel, vorher in einem Möbelwagen verladen, nach Leipzig abgingen, wo sie bis zum 1. September auf Lager gestellt wurden. Von Dora von Pittler und von Herrn und Frau Müller haben sie besonders Abschied genommen.

Am 30. Juni kam der Möbelwagen der Transportgesellschaft Meyer aus Leipzig, um die Möbel abzuholen, die einstweilen bis zum 1. September  in Leipzig in einem Lager zur Aufbewahrung kamen, um dann nach Merseburg befördert zu werden. Die Unkosten über 300 Mark wurden wie abgemacht von der Firma Blancke getragen, ebenso wie die Kosten der Reise von Höchst nach Merseburg. Nachdem die Möbel verladen waren, fuhren sie mit der Eisenbahn mit den beiden Kindern von Höchst ab über Frankfurt/M und von hier über Offenbach, Hanau und Gelnhausen bis Fulda, von wo aus sie mit der Nebenbahn bis Lütters Weyhers fuhren, um von hier der Chaussee entlang nach dem 7,4 km entfernten Poppenhausen zu gelangen, wo sie auch freundlich empfangen wurden.

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Sie  nahmen sofort Besitz von den beiden Zimmern und richteten uns häuslich ein. Das Gepäck wurde vom Bahnhof Lütters Weyhers abgeholt, sodass sie sich bald eingewöhnen konnten in die veränderten Verhältnisse, denn sie mussten sich so einrichten mit wenig auszukommen. Während der 6 Wochen, die sie in Poppenhausen logiert haben, haben sie im Gasthof Schönberg immer gut zu Mittag gegessen, während sie den Frühstückskaffee zu Hause serviert bekamen und Elsa für den Abend das Brot, die Butter und Wurst oder Käse im Dorfe besorgte. Zu Fuß haben sie auch viele Ausflüge in die Umgebung gemacht, so zur Wasserkuppe 950 Meter über dem Meer, auch zum Pferdskopf 876 Meter, wo es Elsa zum ersten Mal schlecht wurde und sie bald nicht weiter konnte, jedenfalls weil Alice unterwegs war, aber erst im Monat März 1910 geboren wurde in Merseburg an der Saale. Sie erholte sich schnell und sie kamen noch gut nach Poppenhausen zurück, wo sie einen tüchtigen Appetit zeigte. Sie waren mit Bekannten aus dem Ort auch auf dem Heiligen Kreuzberg den zweithöchsten Berg der Rhön 932 Meter hoch mit einem alten Kloster der Franziskaner, wo sie  gut zu essen und zu trinken bekamen, denn die Mönche brauten ihr Bier selber. Der Weg von ca. 18 km ging zuerst über Gersfeld und dann steil bergauf an einer Kreuzigungsgruppe vorbei zum Observatorium, von wo aus sie eine herrliche Aussicht über die Rhönberge genossen bis zum Inselsberg in Thüringen, bis zum Steigerwald und bis zum Taunus, besonders von dem 24 Meter hohen Holzkreuz. Das Kloster liegt über 26 Meter tiefer mit der Kirche und dem Gasthaus. Nach längerem Aufenthalt ging es zu Fuß zurück, da eine Bahnverbindung nicht vorhanden war und die Verbindung über Lütter zu umständlich war. Nach Überlegung war Franz mit den Bekannten allein auf dem Kreuzberg, während Elsa mit den Kindern in Poppenhausen geblieben war und den weiten Weg über die Berge nicht riskieren wollte.

Auch mit dem Rade hat Franz mehrere Touren gemacht, so z.B. über Abstroda und Friesenausen nach Fulda, um die Stadt näher zu besichtigen, wo er nach Poppenhausen zurückgekehrt ist, um das Mittagessen bei Steinberg mit Elsa und den Kindern einzunehmen.

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Vorher gegen Ende des Monats August 1909 erfuhren sie, dass der Graf Zeppelin von Friedrichshafen kommend, mit einem Luftschiff nach Berlin kommen wollte und unterwegs in Bitterfeld eine Zwischenlandung vornehmen wollte. Sie entschlossen sich, eine Fahrt nach Bitterfeld zu unternehmen und der Landung beizuwohnen, die damals etwas Außergewöhnliches war. In Bitterfeld kamen sie  mit den Kindern auch glücklich an und mussten auf dem Felde der Landung über 2 Stunden warten, bis die Ankunft des Luftschiffes endlich gemeldet wurde. Die Landung erfolgte dann unter lauten Zurufen der unten stehenden Menschen. Die Landung verlief glatt ohne Unfall und sie fuhren befriedigt mit der Bahn wieder nach Leipzig.

Im Jahre 1911 beschlossen sie mit Klettes zusammen in die Sommerfrische zu gehen und so fuhren sie, Klette und Franz, mit dem Rade nach Wippra im Unterharz, um eine Sommerfrische auszusuchen. Franz fuhr frühmorgens an einem Sonntag des Jahres 1911 von Merseburg ab, um Klette in Halle an der Saale abzuholen. Und so fuhren sie beide bei schönem Wetter von Halle durch die Mansfelder Straße und die Eislebener Straße an der Nietlebener Irrenanstalt  vorbei rechts ab, nach Düben, Salzmünde, Gorsleben, Naundorf, Schwittersdorf, Polleben, Kloster-Mansfeld, Leimbach und dann der Wipper entlang an Rummelburg vorbei bis Wippra, wo sie im Gasthof einkehrten und 2 Zimmer für 4 Wochen mieteten. Nachdem sie sich gut gestärkt hatten, fuhren sie dann über Grillenberg bergab nach Sangerhausen und von hier der Halleschen Hauptstraße entlang über Blankheim, Eisleben am Sülzer See und Seeburg vorbei zurück nach Halle und Franz weiter nach Merseburg. Es war eine Tour von 70 und für die Rückfahrt von 120 km, also für Franz zusammen 190 und für Klette 160 km Entfernung gewesen, ohne die Bahn zu benützen. 14 Tage später fuhren sie dann zusammen mit der Bahn von Merseburg bzw. Halle mit Frau und Kindern nach Sangerhausen und von hier mit der Post nach Wippra über Grillenberg. Da ihre  Ferien jedoch nicht zusammenfielen, fuhr Franz wieder zurück nach Merseburg, um nach 14 Tagen mit dem Rade wieder zu kommen. Am Sonntag dazwischen war er schon um 9 Uhr früh in Wipper, wo die Kinder noch nicht aus dem Bett waren. Von Merseburg wählte er den kürzesten Weg über Lauchstädt, Schafstädt, Querfurt, Allstedt, Sangerhausen, Grillenberg mit 72-73 km, da er nicht durch Halle fahren musste. Von Wippra aus hat er auch mehrere Touren durch den Harz gemacht, wie nach Harzgerode, Rübeland und die Grotten, auch auf den 1142 Meter hohen Brocken ist er gewesen (70 km), wobei er über Harzgerode, Hasselfelde bis Schierke mit dem Rade und von Schierke mit der Brockenbahn hoch gefahren ist, zurück über der steilen Serpentinenstraße aber  mit Freilauf hinunter gefahren ist, wobei die Hinternabe so heiß geworden ist, sodass der Ölpfropfen abgeschmolzen war und man die Nabe selbst nicht anfassen konnte. Über Elbingerode und Rübeland ging es dann weiter zurück über Treseburg und Allrode nach Wippra. Nach 3 Wochen ging es dann zurück nach Merseburg, wobei Franz auf der Rückfahrt mit dem Rade den heißesten Tag des Jahres auszustehen hatte und unterwegs mehrmals etwas zu trinken nehmen musste. Trotzdem hielt er bis Merseburg aus, wo er etwas später ankam als ausgemacht.

Wie bereits kurz erwähnt, zogen sie im Jahr 1912 nach der Weißenfelser Straße Nr. 11 gegenüber dem Sixtiturm beim Maurermeister Weise, d.h. in dem Hause seiner Braut, die Herr Weise  kurz nach ihrem Einzug heiratete.

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Es war eine geräumige Wohnung in der I. Etage mit einem kleinen Erker an der Ecke der Scheunenstraße, Naumburger Straße. Vorn an der Weißenfelser Straße, die hier als kleiner Vorplatz ausgebildet war, hatten sie ein großes Eckzimmer. Nach hinten zu lag das Wohnzimmer daneben, dann kam das Zimmer für Lotte, dann das Zimmer für Herbert und am Ende des Ganges eine größere Küche. Hinter der Küche ging eine Holztreppe in den Hof hinunter. Dazwischen war das Klosett angebaut. Auf der anderen Seite des Korridors war nach vorn noch ein größeres Zimmer mit einem Fenster nach der Aufgangstreppe, also nicht ganz hell erleuchtet. Dahinter war die Badestube, die auch ziemlich groß war, aber ebenfalls etwas dunkel. Zum Garten hatten sie es nicht weit. Man brauchte nur durch den sogenannten Irrgarten zu gehen und am Restaurant „Casino“ vorbei, um hinzukommen.

Bereits im Jahr 1912 bekamen sie aus Brüssel die Nachricht, dass seine Schwester Louise mit ihrem Mann Léon de Breuck und noch einigen Turnkameraden zum XII. Deutschen Turnfest nach Leipzig kommen werden, das vom 12. Bis 16. Juli 1913 auf dem Festplatz in Leipzig-Eutritzsch stattfinden sollte. Es war gerade an einem Sonntag, am 13. Juli 1913, als der Extra-Zug von Köln oder Brüssel über Kassel-Eisenach in Leipzig Gohlis-Eutritzsch ankam, wo Franz auch Léon und Louise gegen 10 Uhr vormittags abholte. Da er sich zuerst in Leipzig in der Petersstraße melde musste, fuhren sie mit der elektrischen Straßenbahn zum Polizeipräsidium in der Petersstraße. Dann, nachdem sich Léon geäußert hatte, es wäre in Deutschland mit der Polizei nicht so schlimm, wie er befürchtet hätte, mit der Eisenbahn zurück nach Merseburg und zwar in der IV. Klasse, aber nur studienhalber, weil in Belgien die IV. Klasse nicht vorhanden war. Léon schien es aber nicht zu gefallen, denn sie mussten stehen, da der Wagen gut besetzt war. Elsa hatte inzwischen das Mittagessen fertig gemacht, sodass sie sofort zu Tisch gehen konnten.

Am anderen Tag ging es wieder nach Leipzig zurück, um den Turnplatz in Eutritzsch zu besuchen, wo Léon seine Bekannten wieder traf. Dass zu dem historischen 12. Deutschen Turnfest über 100000 deutsche Turner aus dem Reiche und der halben Welt nach Leipzig geeilt waren, sei nur nebenbei bemerkt. Weder Léon noch Louise noch Franz haben damals gedacht, als die Turner der verschiedenen Länder so einträchtig nebeneinander vorbei marschierten, dass schon nach einem Jahre auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges mancher Vater und Sohn sein Leben lassen musste durch die falsche Politik der uns Regierenden.

Dass Franz mit Léon und Louise auf den Rathausturm und am Völkerschlachtdenkmal, das im Monat  Oktober 1913 eingeweiht werden sollte, war, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Jedenfalls hat es Léon und Louise in Merseburg wie in Leipzig sehr gut gefallen, fuhren aber innerhalb von 8 Tagen zurück, da zu Hause zu viel zu erledigen war. Damit sie aber die weitere Umgebung kennen lernten, fuhren sie mit den Kindern über Halle bis Halberstadt mit, um ihnen Thale, die Rosskappe und den Hexentanzplatz im Bodethal zu zeigen. Besonders die weite Aussicht vom Hexentanzplatz bis Magdeburg usw. hat Léon sehr gut gefallen. Denn er behauptete, eine solche weite Aussicht noch nicht gesehen zu haben. Um Thale fuhren sie dann mit der Bahn zurück nach Halberstadt, von wo aus sie dann abends mit dem Berlin-Aachener-Zug nach Belgien zurück gefahren sind, während Franz und Familie von Halberstadt auf Grund ihrer Sonntagfahrkarte nach Merseburg zurück fuhren.

Im Jahre 1914 beschlossen sie, die Ferien in Oberschönau zu verbringen, und so fuhr Franz im Monat Juni 1914 mit dem Rade von Bad Kösen über Eckersberga am Bismarck-Denkmal bei Apolda vorbei, weiter geradeaus nach Bad Berka und Kranichfeld und von hier rechts ab nach Arnstadt, dann weiter über Krähwinkel steil hinauf nach Oberhof, 815 Meter hoch gelegen, und dann abwärts durch den schönen Kanzlergrund nach Oberschönau, wo er bei Frau Neuß ein Zimmer mit 3 Betten mietete. Nachdem er dann gut zu Mittag gegessen hatte, fuhr er zurück nach Zella-Mehlis (156 km von Merseburg), um von dort bis Bad Kösen eine Eisenbahnkarte zu lösen im Anschluss an seine Sonntagskarte. Gegen 11 Uhr abends traf er dann glücklich in Merseburg wieder ein. Sie fuhren dann Mitte Juli 1914 von Merseburg nach Oberhof, um von hier durch den Kanzlergrund nach Ober-Schönau zu laufen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken. Die Frau Neuß betrieb eine kleine Werkstatt mit mehreren Aeme-Automaten, worauf sie kleinere Schrauben für irgendeine Fabrik herstellte. Es war sehr interessant für Franz, die Maschine zu betrachten, da er ähnliche Automaten bei Pittler gebaut und bei Blancke im Betrieb hatte. Die Pension war mit Früh- und Nachmittagskaffe ausgemacht, während sie im Gutshof das Mittagessen einnahmen. Es waren schöne Zeiten, die sie dort mit den 3 Kindern verlebten. Oft gingen sie spazieren im nahen Wald, wo sie auch oft Pfifferlinge gepflückt haben. Durch eine steile Waldschneise sind sie auch oft auf dem hohen Most gewesen, von wo aus sie eine schöne Aussicht auf Oberschönau und die tief unten liegenden Täler hatten, eine richtige Alpenlandschaft. Franz hat mehrere Radausflüge gemacht nach Oberhof, Zella-Mehlis, am Rennsteig hinauf bis zum Gr. Inselberg, wo er mit dem Rade oben war 916 Meter über den Meeresspiegel. Von oben ging es dann südlich zurück über Brotterode, Kleinschmalkalden, Seeligental, Steinbach-Hallenberg nach Oberschönau (45 km). Da die Gefahr eines Krieges zwischen Deutschland und Russland immer näher heranrückte, beschlossen sie mit einem Herrn aus Leipzig, der in der Nürnberger Straße ein Zigarrengeschäft betrieb, zeitiger als vorgesehen nach Hause zurück zu fahren, was sie nicht zu bereuen hatten. Denn kaum waren sie wieder in Merseburg, da brach der Sturm los.

Sie lebten noch ganz ruhig und zufrieden und Lotte war schon konfirmiert worden, während Herbert noch auf dem Gymnasium und Alice 4 Jahre alt geworden war, als sie am 4. August 1914 beim Rückweg aus dem Garten, im Irrgarten an der Weißenfelser Straße, die Kriegserklärung an Russland und Frankreich lasen, die öffentlich bekannt gemacht worden war. Sie waren tief erschüttert. Es war wohl an einem Montag, sodass sie noch nicht erfahren konnten, dass die Kriegserklärung bereits am 1. August an Russland und an Frankreich am 3. August erfolgt war. Am 5. August 1914 ging Franz sofort zur Polizei und ließ sich einen polizeilichen Ausweis mit Lichtbild ausstellen, dass er in der Weißenfelser Straße Nr. 11 bei Weise wohnte. Mit diesem Ausweis fuhr er mit dem Rade nach Leipzig und erfuhr unterwegs, dass durch das Überschreiten der belgischen Grenze durch die deutsche Armee nun England den Krieg an Deutschland erklärt hätte. Seine Mutter hatte also Recht, wenn sie früher gesagt hat, dass England die Neutralität Belgiens schützen würde, wenn dieselbe von Deutschland oder Frankreich verletzt werden sollte. Unterwegs wurde er 2mal durch junge Leute mit einem Gewehr über dem Arm angehalten; sie ließen ihn  aber auf Grund seines Ausweises nach Leipzig weiter fahren. Der holländische Konsul Herr Reinhold wunderte sich nur, dass er noch keinen holländischen Pass hätte und hat nur seine Personalien richtig notiert, da Merseburg in der Provinz Sachsen zum holländischen Konsulat in Magdeburg gehörte. Mit der Auskunft fuhr er zurück nach Hause. Den holländischen Pass erhielt er erst im Jahre 1917 gegen Ende des Monats November vom  Berliner Generalkonsulat der Niederlande. Selbstverständlich war nach seiner Rückkehr von Leipzig auch im Geschäft die Aufregung groß. Durch die englische Kriegserklärung, die doch vorauszusehen war. Die Arbeiter waren alle oder wenigstens teilweise schon damit einverstanden, dass Deutschland den Krieg an Russland und Frankreich erklärt hatte – und waren auf einmal sehr patriotisch gesinnt. Wie immer in solchen Fällen nahmen sie den Mund voll und wollten die Franzosen und die Engländer schon verhauen. Franz war jedoch nicht so zuversichtlich auf den Ausgang des Krieges und Meister Hirscher, der Meister der Schlosserei sogar ganz und gar nicht, er erklärte ihm ganz einfach, dass sie den Krieg nicht gewinnen konnten gegen Frankreich, da doch die ganze Welt gegen die Deutschen kämpfen würde, und er hat auch recht behalten. Da sofort weitere Bestellungen auf Armaturen usw. ausfielen, musste die Direktion sich um Kriegsaufträge bemühen und so kam zuerst die Herstellung von Granatzündern aus Metall in Frage.

Vor Anfang des Krieges waren sie auch öfters in Halle zum Besuch des Theaters und einer Kleinbühne an der Promenade. Durch die elektrische Straßenbahn zwischen Merseburg und Halle, außer der Eisenbahn, wurde der Besuch der Stadt Halle sehr erleichtert. Auch in der hallischen Umgebung haben sie mit Klettes verschiedene Ausflüge in die Dübener Heide  und auf die sogenannten Pfaueninsel in der Saale und auf den Giebichenstein, einer alte Burgruine im Norden der Stadt, gemacht. Mit den Kindern waren sie 2 bis 3 Mal im Zoologischen Garten, der um eine Bergkuppe sehr schön gelegen ist. Auf dem Petersberg, einen 250 Meter hohen Berg südlich (12 km) von Halle, einem alten Kloster, waren sie einmal allein mit den Kindern noch bevor Alice geboren wurde. Bevor in Merseburg die Radreifen der Fahrräder abgeliefert werden mussten, was doch schon auf den unglücklichen Ausgang des Krieges hinwies, hat Franz öfters noch Radtouren gemacht, so z.B. über Roßbach nach Naumburg und der Rudelsburg auch der Eichstädter Warte, nach dem Janushügel zum Denkmal der Schlacht bei Roßbach. Einmal ist er mit Herbert zu Fuß über Lössen, Oberthau, Wehlitz immer im Wald und der Elster entlang, an Schkeuditz vorbei bis Gundorf gelaufen und von Burghausen mit der elektrischen Straßenbahn nach Leipzig gefahren, zur Großmutter, am anderen Tag wieder zurück nach Merseburg über Horburg, Zöschen und Wegnitz, wo sie Elsa trafen mit dem Sportwagen und Alice, die ihnen entgegen kamen. Freitags ist er auch oft mit dem Rade nach Leipzig gefahren zu den Sitzungen der TVL, die damals im Italienischen Garten oder im Restaurant Schicher am Königsplatz in der Kramerstraße stattfanden. Da ist er oft nach 1 Uhr früh mit dem Rade zurückgefahren, wo ihm die vielen Bauernwagen mit Gemüse usw., die sonnabends zur Markthalle fuhren, auf der einsamen Straße entgegenkamen. Da hieß es immer scharf rechts fahren, denn oft schliefen die Kutscher auf dem Bock und da hieß es auch scharf aufpassen. er ist aber immer gut vorbeigekommen. Der Autoverkehr war aber damals nicht so stark wie später nach dem Weltkriege.

Nach dem Schreiben seiner Schwester waren die Belgier vom Sieg der Alliierten überzeugt, denn sie machte ihm einmal auf einer Postkarte den Vorwurf, wie er so etwas schreiben konnte (d.h. vom „deutschen Sieg“) und sie hat recht behalten, der Krieg wurde für Deutschland verloren, weil die Materialbeschaffung immer schwieriger wurde, sodass die alten Gummireifen, die Kupfertöpfe, die Kirchenglocken, die Tür- und Fensterklinken, die Klavierleuchter usw. nach und nach abgeliefert werden mussten, was bei den Feinden nicht nötig war, da sie die Vereinigten Staaten, ganz Amerika und die übrige Welt hinter sich hatten.

Mit seinem Freund, Felix Klette, haben sie während des ganzen Krieges weiter verkehrt, trafen sich immer weiter an den Sonntagen entweder im Garten, in Halle, in Schkopau oder im Rosengarten zwischen Angersdorf und Halle, wobei im letzterwähnten Lokal auch die Rede darauf kam, es war wohl im Jahre 1916, dass nun bald Frieden geschlossen werden würde, da die Verhandlungen schon im Gange seien. Es war wohl richtig, dass Deutschland den Frieden vorgeschlagen habe, aber dass die Alliierten nicht darauf eingehen würden, war nach meiner Meinung ausgeschlossen. Und es kam auch so. Das deutsche Angebot wurde als Schwäche angesehen und sein Freund Klette hatte Unrecht, denn der Krieg ging trotz ihrer Schwäche weiter.

Durch die lange Dauer des Krieges wurde die Ernährung der Bevölkerung immer schlechter, das Brot wurde grammmäßig zugeteilt, sodass man sogar anfing, die Brotschnitte mit der Briefwaage für jede Person abzuwiegen, um mit den vorgeschriebenen Mengen auszukommen. Butter und Eier und besonders Fleisch wurden in immer geringer Menge zugeteilt, worunter besonders seine Frau Elsa zu leiden hatte, noch dazu, wo sie es scheinbar mit der Lunge zu tun hatte. Elsa wurde immer elender und da es auch an Medikamenten zu fehlen begann, konnten ihre Ärzte weder Herr Bormann, der alte Hausarzt, noch Herr Wolf, den Franz später hinzuzog, helfen. Da wurde ihm geraten, es mit einem Masseur, Herrn Teichmann aus Halle, zu versuchen, der durch Massieren bei Lungenkranken gute Erfolge erzielt haben sollte. Und sieversuchten es mit ihm. Im Anfange erholte sich Elsa gut, sie war nach jeder Massage des Oberkörpers wie frisch geboren und fühlte sich auch wohler, sodass sie die Hoffnung hatten, dass sie wieder gesund werden würde. Herr Teichmann gab sich alle Mühe beim Einreiben mit russischem Spiritus. An einem Sonntag ging es Elsa besonders schlecht, es fehlte ihr an kräftiger Nahrung, und so fuhr Franz nachmittags mit dem Rade schnell nach Halle zu Herrn Teichmann in die Wohnung, um Rat zu holen. Er konnte Franz nur 5 bis 6 Eier mitgeben, um einen sogenannten Advokatenbowle (Eiergrog) zu bereiten, damit sie sich ein wenig erholte. Da es noch Malzbier gab, konnte man wenigstens einen Eiertrank zubereiten. Es half wohl etwas, aber leider wurde es immer schlechter, und Franz musste es erleben, dass, als er am 15. Januar 1916 aus dem Geschäft nach Hause kam, Elsa in Lottes Beisein gestorben war. Sie wurde in die Kapelle des Stadtfriedhofes überführt und von dort aus im Beisein aller Leipziger Verwandten und vieler Merseburger Bekannten ein paar Tage später in der IV. Abteilung des Stadtfriedhofes in üblicher Weise durch Pastor Riem die letzte Ehre erwiesen. Franz war mit seinen Kindern allein und Lotte übernahm mit ihren 17 ½ Jahren den gesamten Haushalt in der schweren Kriegszeit, wobei sie auch die weitere Erziehung ihrer Schwester Alice, die erst 6 ½ Jahre alt war und noch zur Schule ging, übernahm. Trotz der großen Schwierigkeiten hat Lotte ihr Amt als kleine Hausfrau gut durchgeführt.