Gefolgschaft Pittler: “Wie ich zu Pittler kam” von Franz van Himbergen

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Bevor Wilhelm von Pittler im Jahre 1889 seine Universal-Metallbearbeitungsmaschine erfand, aus der die jetzt weltbekannte Pittler-Revolverdrehbank hervorging, hatte er bereits auf anderen Gebieten des Maschinenbaues bedeutende Erfindungen gemacht. Sie hatten aber im Gegensatz zur Revolverdrehbank nicht den dauernden Erfolg. Es sei hier nur kurz an die von ihm erfundene Tüten- oder Beutelpfalz- und Klebemaschine erinnert, die im Jahre 1879 auf der Gewerbe- und Industrieausstellung in Altona Aufsehen erregte, sowie an einen Pulvermotor, den er Anfang der 80er Jahre zum Fortbewegen eines Omnibusses benutzte. Er konnte leider nach den Probefahrten die Versuche nicht fortführen, da die Polizei weitere Fahrten in den Straßen Leipzigs untersagte. Dann baute v. Pittler einen Dampfmotor für das Kleingewerbe, schuf Verbesserungen an der Drahtheftmaschine, versuchte ein selbsttätiges Klavier zu bauen und verbesserte den Pantograph (Storchschnabel) der Handstickmaschine. Durch diesen Pantograph kam er auf den Gedanken, eine kleine Näh-, Stick- und Stopfmaschine für den Hausgebrauch herzustellen, um der Hausfrau die Möglichkeit zu geben, kleine Stickereien, wie Monogramme, Blumen, Arabesken, Figuren usw. und auch Löcher in Stoffen stopfen zu können. Durch die Näh- und Stickmaschine, die in den Fachkreisen Deutschlands, Englands und Frankreichs sehr beachtet wurde, und deren Patente er im Auslande gut verwerten konnte, kam er in die Lage, die Fabrikation dieser 2 ½ kg schweren Nähmaschine in Deutschland durchzuführen.

Im Januar 1937 erschien die Werkzeitung der Pittler-Werkzeugmaschinenfabrik Aktiengesellschaft Wahren mit einem Artikel des Großvaters, in dem er beschreibt, wie er Wilhelm von Pittler kennenlernte:

 Wilhelm von Pittler *21.6.1854 †22.9.19190
Wilhelm von Pittler
*21.6.1854 †22.9.1910

Auf einer seiner Reisen nach Frankreich und England lernte ich v. Pittler im Juli 1888 bei einem alten holländischen Freunde meines Vaters, Herrn Jan Huysmanns in Brüssel, der die Vertretung französischer und amerikanischer Näh- und Stickmaschinen innehatte, persönlich kennen. Ich war damals 16 ¾ Jahre alt, Lehrling in der militärischen Kartographenanstalt in Brüssel und besuchte die Zeichenakademie. Offenbar war es v. Pittler aufgefallen, daß ich gut zeichnen konnte, denn er ließ mich durch Herrn Huysmanns fragen, ob ich nicht Lust hätte, in Deutschland Mechaniker zu lernen. Ich sollte mit meinem Vater darüber sprechen und v. Pittler nach seiner Rückkehr von London Bescheid geben.

Mein Vater war selbst aus Holland ausgewandert, hatte Verständnis für meinen Wandertrieb und willigte ein. Trotzdem einige französische Freunde davon abrieten, nach Deutschland zu gehen, weil dort angeblich niedrige Löhne bezahlt würden, folgte ich dem Rat meiner flämischen Freunde, die mich dazu ermunterten, und so fuhr ich mit Herrn v. Pittler am 3. September 1888 mit dem Abendzug nach Herbesthal. Als Reisebegleitung hatten wir noch einen Papagei und einen kleinen Spitzhund, „Petit“ genannt, die Herr v. Pittler aus England mitgebracht hatte, und die in Papier und Pappschachteln gut verdeckt als blinde Passagiere mitgenommen wurden. Bis zum Grenzbahnhof Herbesthal, der damaligen deutschen Grenze, waren die Tiere auch recht folgsam und ließen keinen Laut von sich hören. Hier mußten wir etwa zwei Stunden warten, bis der von Paris kommende Zug kam, der uns dann in der Frühe des 4. September nach Köln brachte, wo wir frühstückten. Sehr viel haben wir während der Fahrt nicht gesprochen, weil Herr v. Pittler wenig französisch und vlämisch und ich wenig deutsch verstand. Nach ungefähr zwei Stunden Wartezeit in Köln stiegen wir in einen Zug, der einen durchgehenden Wagen nach Leipzig hatte, so daß wir nun bis Leipzig durchfahren konnten, ohne umzusteigen. Zum ersten Mal bewunderte ich den Rhein bei Köln. Dann ging es durch das Rheinisch-westfälische Industriegebiet, wo ich zum ersten Mal die Hochöfen, die vielen Bergwerke und Hunderte von Fabrikschlote im Vorbeifahren zu sehen bekam. Der Schnellzug brachte uns weiter über Dortmund, Bielefeld, die Westfälische Pforte (das schöne Denkmal Wilhelm I. stand damals noch nicht) und über Hannover nach Magdeburg. Auf dieser Strecke fingen unsere blinden Passagiere an, sich bemerkbar zu machen, so daß wir Mühe hatten, Ruhe zu bekommen. Nachdem sie aber Futter erhalten hatten, wurden sie wieder brav, so daß sich die Mitreisenden nicht mehr zu beschweren brauchten. Bei der Ausfahrt nach Magdeburg fielen mir dann die hohen Wohnhäuser mit ihren vielen Stockwerken auf, die es in Belgien damals nicht gab. Aber gegen 10 Uhr abends erreichten wir endlich Leipzig; wir kamen auf dem damaligen Magdeburger Bahnhof an, der sich mit drei Gleisen gegenüber der Goethestraße befand. Hier erwartete uns Frau v. Pittler und Herr Voigtländer, v. Pittlers kaufmännischer Berater, mit einem Einspänner, Kraftwagen gab es damals noch nicht. Auch elektrische Straßenbahnen waren zu der Zeit noch so gut wie unbekannt. Wer von den Bahnhöfen nach dem Vorort Gohlis wollte, musste, wenn er nicht zu Fuß gehen wollte, die Pferdebahn der Englischen Gesellschaft oder die Pferdedroschke benutzen. Das Pferd beherrschte damals den Verkehr, der allerdings weit hinter dem heutigen motorisierten und Fahrradverkehr zurückstand. Es war auch nicht selten, daß man auf den Straßen Fußgänger antraf, die während des Gehens die Zeitung lasen.

Pittler-Näh-Stick- und Stopfmaschine
Pittler-Näh-Stick- und Stopfmaschine aus dem Jahre 1888

Nun war ich endlich in der Pittlerschen Villa in der Böttcherstraße Nr. 10 angelangt, um in Theorie und Praxis einen neuen Abschnitt meines Lebens zu beginnen. Über den Papagei und den kleinen Spitz hat sich die ganze Pittlersche Familie gefreut, leider starb der Papagei kurze Zeit darauf, während der Hund ungefähr vier Jahre ausgehalten hat. Die letzten Worte, die Herr v. Pittler an diesem denkwürdigen Tag an mich richtete, waren „Allez coucher!“ (Gehen Sie schlafen!).